MONTEVIDEO – USHUAIA

2. Teil: Tigre – Balneario El Cóndor

Am 28. Oktober waren wir um 8:30 Uhr abreisefertig. Es regnete immer noch. Wir erkundigten uns beim Abschied noch bei Christian, wie hier in Argentinien mit dem Grauwasser umzugehen sei und erfuhren, dass es auch hier so gut wie keine Entsorgungsstationen für Wohnmobile gibt und man sich zur Entsorgung einen geeigneten Platz am Straßenrand suchen muss. Wir entleerten unseren Abwassertank in einen Gully und fuhren dann auf der RN 3 in Richtung Azul. Es war so dunkel wie abends um sieben, die Straßenbeleuchtung war eingeschaltet, alles wirkte irgendwie gespenstisch.

Als wir den Großraum von Buenos Aires verlassen hatten, fuhren wir durch ein Gebiet mit Feldern und Weiden. Neben Rindern sahen wir sahen wir immer wieder Störche, verschiedene Raub- und Wasservögel. Sie waren allerdings sehr scheu, und viele flogen weg, wenn wir am Straßenrand hielten, um sie zu fotografieren.

Unseren Recherchen nach leben hier in der feuchten Pampa Maguari Störche.

Der Maguari Storch(Coconia maguari) unterscheidet sich von dem bei uns bekannten Weißstorch(Coconia Coconia) durch seinen auffällig langen und breiten, hellgrauen Schnabel mit rötlich brauner Spitze, das rote Gesicht und die gelben Augen.

Die eindeutige Bestimmung der Raubvögel fällt uns häufig recht schwer. Der auffällig gekrümmte und lange Oberschnabel lässt uns vermuten, dass es sich bei den nachfolgend abgebildeten Vögeln um Schneckenweihe (Rostrhamus sociabilis), auch Schneckenmilane genannt, handelt. Die für diese Tiere ebenfalls charakteristische rote Iris können wir allerdings auf unseren Fotos nicht erkennen. Laut Kosmos Naturreiseführer Argentinien/Chile, den uns Mirko dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, ist der Schneckenweih ein Nahrungsspezialist, der langsam über dem Wasser schwebend nach Süßwasserschnecken der Gattung Pomacea sucht. Sein hakenförmiger Schnabel eignet sich sehr gut, um die Schnecken von ihrem Gehäuse zu trennen.

Die Schwarzhalsschwäne (Cygnus melancoryphus), die in den patagonischen Steppen brüten, ziehen im Winter nach Norden. Sie tragen ihre Jungen sehr lange auf dem Rücken, wahrscheinlich um sie vor der Kälte in den patagonischen Seen zu schützen.

Als wir gegen 15:00 Uhr in Azul ankamen, hatte der Regen aufgehört. Wir fuhren zum Camping Municipale, auf dem nur 2 weitere Fahrzeuge und ein Zelt standen. Wir bekamen einen netten Platz direkt am Fluss zugewiesen. Nachdem wir das Auto abgestellt hatten setzten wir uns erstmal an den vorhandenen Picknicktisch und genossen den nun sonnigen Nachmittag bei ein Gläschen Rotwein.

Ein auf dem Campingplatz lebender Italiener, ein gelernter Schreiner, kam mit seinem kleinen Sohn zu uns, um uns zu begrüßen. Er erzählte uns in leidlich gutem Englisch, dass er den auf dem Foto zu sehenden roten Wagen vor einigen Jahren gekauft und ausgebaut habe und nun mit seiner Frau, einer Argentinierin und dem Sohn darin lebe. Seine Frau sei Puppenspielerin und er begleite die Aufführungen auf verschiedenen Musikinstrumenten. Als Theater diene der blaue Bus, den er ebenfalls hier erstanden und entsprechend umgebaut habe. Auch so kann man leben.

Nach dem Abendessen bereiteten wir uns mit Landkarten und Reiseführer auf weitere Reise vor. Dabei fiel uns auf, dass wir schon bald die Grenze nach Patagonien erreichen würden. Da dort keine frischen Lebensmittel eingeführt werden dürfen, war Restekochen angesagt, denn wir hatten reichlich Gemüse eingekauft. Dagmar schnibbelte und Wolfgang zauberte daraus eine leckere Gemüsesuppe.

Am nächsten Morgen ging es dann weiter über die RN 3 in Richtung Tres Arroyos und von dort über die RP 238 und 73 in Richtung Meer nach Claromecó. Das Wetter war im Gegensatz zum Vortag einfach toll, sonnig und ab und zu ein paar Wölkchen.

Von diesem Tag an machten wir es uns zur Gewohnheit, unsere Kameras vor der Abfahrt mit unterschiedlichen Objektiven zu bestücken und sie zusammen mit dem Bohnensack während der Fahrt zwischen unseren Sitzen bereitzulegen. Je nachdem auf welcher Seite wir Tiere sichten, schnappt sich der eine oder andere die geeignete Kamera und versucht sein Glück. Die Zäune, die hier neben den Straßen allgegenwärtig sind, unterstützen uns dabei nicht wirklich. Dagmar ist durch unsere Flugfotografien zur einer „Landschaftsfotografin des Augenblicks“ geworden. Viele unserer Landschaftsfotos entstehen während der Fahrt durch die (leider nicht runterklappbare) Frontscheibe oder durch die heruntergelassenen Seitenfenster.

Die Straße führte wieder durch riesige Felder und Weideflächen, auf denen Rinder jeglicher Couleur und Größe standen. Auch hier sahen wir viele Vögel, darunter auch wieder viele Störche, aber alle waren überaus scheu.

Wie hielten an einem kleinen See, an dessen Rand wir zum ersten Mal Flamingos auf dieser Reise entdeckten. Nach dem Aussteigen bemerkten wir, dass sich hier auch ein Bieber im Wasser tummelte.

Etwas später sah Wolfgang ein Gürteltier über die Straße flitzen. Bevor wir anhalten konnten, war es schon wieder im Gebüsch verschwunden. Ein Stinktier (Anden-Skunk, Conepatus chinga), das wir auf der Fahrbahn entdeckten, machte uns das Fotografieren leichter, denn es war leider schon tot.

In Claromecó, einem kleinen Badeort, fuhren wir zunächst zum Campingplatz. Da uns seine Lage nicht gefiel, entschieden wir uns dann doch für einen Stellplatz auf dem Parkplatz an der Strandpromenade nahe der Samoa-Bar, die in dieser Jahreszeit noch geschlossen war.

Wir nutzten das schöne Wetter aus und machten erst einmal einen ausgedehnten Spaziergang am Strand. Kleine Fischerboote wurden mit sehr interessanten Traktoren an Land gezogen und dann entladen.

Plötzlich wurde es auf dem vorher fast menschenleeren Strand ziemlich voll: Eine Gruppe von Schulkindern war mit Lehrern und Eltern zum Drachen steigen lassen an den Strand gekommen. Das klappte mal mehr und mal weniger gut.

Auf dem Rückweg über die Strandpromenade fiel uns auf einen Strommast eine kleine Eule auf. Es handelte sich um einen Kaninchenkauz (Athene cunicularia), auch Kaninchen-, Prärie- oder Höhleneule genannt wird. Diese Eulenart ist tag- und dämmerungsaktiv und brütet in Bodenhöhlen, die sie selbst mit Schnabel und Krallen in den Sand gräbt oder von Säugetieren übernimmt.

Der Tag verabschiedete sich mit einem schönen Farbspiel am Himmel.

Bevor wir am nächsten Morgen Claramencó verließen, fuhren wir noch einmal in Richtung Leuchtturm. Dabei haben wir uns das erste Mal im Sand festgefahren. Glücklicherweise konnte Wolfgang den Allrad zuschalten und uns so aus eigener Kraft befreien.

Unser nächstes Ziel war Monte Hermeso. Wir wollten allerdings nicht wieder nach Tres Arroyos zurück um die RN 3 zu erreichen und fuhren deshalb auf der RP 72, einer unbefestigten Piste, die bei Regen wohl eher nicht befahrbar ist. Zu diesem Zeitpunkt war es aber bereits seit 36 Stunden trocken, deshalb wagten wir es. Es rappelte und wackelte ganz ordentlich, und es war schon spannend zu sehen, wie MEXI bei solchen Verhältnissen reagiert.

Als Dagmar aussteigen wollte, um eine Rinderherde zu fotografieren, schaute sie von Auto aus direkt in den Bau einer Froschfamilie (Alsodes gargola, den deutschen Namen dieser krötenähnlichen Froschart haben wir noch nicht gefunden). Dieses unverhoffte Fotomotiv tröstete Dagmar darüber hinweg, dass sie für das Foto Rinderherde keine wirklich überzeugende Position gefunden hatte.

Wir stoppten nochmal an einem See, an dem wir sehr schöne Fuchs-Löffelenten (Anas platanea), auch Argentinische Löffelenten oder Südamerikanische Löffelenten genannt, beobachten konnten. Bei den männlichen Vögeln ist der Kopf und der Hals hellbräunlich bis grau gefärbt und hat eine schwarze Strichelzeichnung. Das Körpergefieder dagegen ist in einem rötlichen Braun gehalten, das gleichmäßig dunkelbraun gesprenkelt ist. Die Weibchen haben eine bräunlich gelbe Grundfarbe und zeigen auf ihrem Gefieder eine schwarzbraune Zeichnung.

Am anderen Ende des Sees standen wieder ein paar Flamingos.

Kurze Zeit später lief ein Gürteltier auf der Piste vor uns her. Der Versuch, ein Tier während der Fahrt mit dem 200-400er durch die Frontscheibe zu fotografieren, hat noch nie zu einem überzeugenden Ergebnis geführt – so war es auch diesmal. Aus Schaden wird man also auch im Alter nicht immer klug.

Die Zeit war schon fortgeschritten, deshalb entschlossen wir uns, nach 18 km an der nächsten Abzweigung die Piste zu verlassen und bis Coronel Dorrego über die RN 3 zu fahren. Von dort ging es weiter auf der RP 78, die wieder teilweise unbefestigt war. In Monte Hermoso gefiel es uns nicht besonders, deshalb fuhren wir zurück nach Coronel Derrego, weiter auf der RN 3 bis Bajo Hondo und dann über die RP 113 bis Pehué-Co. Da wir einen ordentlichen Stellplatz mit Meerblick auch in diesem Ort nicht fanden, checkten auf dem Campingplatz „Don Horazio“ ein.

Da die Sonne noch lachte machten wir vor dem Abendessen noch einen ausgiebigen Spaziergang am Strand entlang. Wir erfreuten uns an kleinen gelben Vögeln, die wir bisher nicht eindeutig bestimmen konnten, einem jungen, relativ zutraulichen Chimangokarakar (Milvago chimango) und den ersten Sittichen (Mönchsittiche, Myopsitta monachus), die wir hier sahen.

Am nächsten Morgen fuhren wir zurück zur RN 3. Auf dem Weg dorthin sahen wir die ersten Nandus. Ob es die Großen Nandus (Rhea Americana) oder die kleineren Darwin-Nandus (Pterocnemia pennata) waren, können wir nicht eindeutig sagen. Diese flugunfähigen Laufvögel sind unheimlich scheu. Sobald sich ein Auto nähert, drehen sie sich um und rennen mit unglaublicher Geschwindigkeit davon.

Dann ging es weiter in Richtung Viedma, das am Südufer des Río Negro und damit in Patagonien liegt. In Bahia Blanca führte die RN 3 mitten durch die Stadt. Bahia Blanca ist eine Industriestadt mit entsprechend viel Verkehr und auch Dreck. Wir waren froh, wieder in die Pampa zu kommen.

Obwohl Patagonien erst weiter südlich hinter dem Río Colorado beginnt, wird die erste Lebensmittelkontrolle bereits kurz hinter Bahia Blanca durchgeführt. Um Patagonien weiterhin von Maul- und Klauenseuche und Fruchtfliegen freizuhalten, ist die Mitnahme von rohen und gekochten Fleischprodukten sowie von Gemüse und Obst dorthin verboten. An der Kontrollstation gab uns der Kontrolleur einen entsprechenden Informationszettel in englischer Sprache und bat uns, ihm unseren Kühlschrank zu zeigen. Im Kühlschrank hatten wir noch Margarine, vom Frühstück übriggebliebenes, kleingeschnittenes Obst in einer Tupperdose und die gekochte Gemüsesuppe. Nichts davon war für ihn ein Problem. Er wünschte uns noch eine gute Reise, und wir konnten weiterfahren.

Nach einiger Zeit erreichten wir die zweite Kontrollstation. Den Informationszettel legte Wolfgang auf das Armaturenbrett, und er fuhr langsam zum Kontrollposten. Der Kontrolleur winkte uns ohne jegliche Nachfrage durch.

Die Landschaft wurde zusehends eintöniger, denn wir näherten uns der trockenen Pampa. Die Straßen waren über kilometerlange Strecken schnurgerade. Gelegentlich sahen wir weidende Rinder und wenn Wasser in der Nähe war, auch immer wieder Störche.

In Viedma steuerten wir zunächst einmal einen Supermarkt an, um unseren Kühlschrank wieder aufzufüllen. Viedma ist die Hauptstadt der Provinz Río Negro. In der Stadt selbst gibt es nicht viel Sehenswertes, interessanter sind die Strände am Meer etwas südlich davon. Unser nächstes Ziel war Balneario El Cóndor. Dort befinden sich  der älteste Leuchtturm Argentiniens und die weltweit größte Kolonie von Felsensittichen. Wir fanden einen Stellplatz auf einem Parkplatz in der Nähe des Leuchtturms oben auf den Klippen, in denen die Felsensittiche (Cyanoliseus patagonus) leben. Die Vögel machten einen höllischen Lärm, aber es war einfach schön inmitten der herumschwirrenden Tiere zu stehen. Wir gingen runter zum Strand, um uns das Treiben von unten dort aus anzusehen. Die hohen Klippen mit tausenden von Nisthöhlen und einem ständigen Ein und Aus der bunten Vögel – einfach ein toller Anblick. Wir blieben solange am Strand, bis es zum Fotografieren zu dunkel wurde.  

In der Nacht begann es zu regnen. Aus einem weiteren Strandspaziergang am Morgen wurde daher nichts. Dagmar fotografierte noch einige Zeit aus dem Auto heraus.

Dann ging es weiter über die RP 1 zur Seelöwenkolonie an der Punta Bermeja, anfangs noch unter Benutzung der Scheibenwischer, später hörte der Regen auf. Auf der neben der Straße verlaufenden Stromleitung saßen immer wieder Felsensittiche aufgereiht wie eine Perlenkette.