METTMANN – HAMBURG – MONTEVIDEO

Teil 1: Mettmann – Hamburg – Dakar

Eigentlich sollte unsere große Reise am 20.09.2019 spätestens gegen Mittag beginnen. Die letzten Besorgungen, die Packerei und das Herrichten der Wohnung haben dann doch wieder deutlich länger gedauert als geplant, so dass wir erst gegen 15:00 Uhr starten konnten, hinein in den staugeladenen Freitagnachmittagsverkehr. Bei der Raststätte „Dammer Berge“ haben wir einen Zwischenstopp eingelegt, um uns bei Burger King mit Riesen-Burgern und Pommes zu stärken. Unseren Schlafplatz in Elmshorn neben der Firma Kerkamm haben wir dann erst gegen 22:00 Uhr erreicht. Wir haben noch mit einem Gläschen Wein auf Bernhards Geburtstag angestoßen und sind dann auch bald schlafengegangen, denn mit Ruhestand hatten die letzten Wochen weiß Gott noch nichts zu tun.

Am nächsten Morgen sind wir um 6:20 Uhr aufgestanden und haben nach einer Katzenwäsche erstmal unsere Taschen für die Schiffreise gepackt. Danach haben wir uns beim Bäcker etwas fürs Frühstück besorgt und sind kurz nach 9:00 Uhr wieder bei Kerkamm eingetroffen, um die bestellte 14 kg Gastankflasche abgeholt und die mitgebrachte, ungebrauchte 11 kg Flasche versiegeln lassen. Das Versiegeln der vorhandenen, ungebrauchten Flasche kostete 20 €, die neue, bereits versiegelte, 355 €. Diese musste allerdings noch umgebaut werden, da der Füllanschluss im Vergleich zum alten um 180° gedreht eingebaut war und so nicht wegen Platzmangels im Gasflaschenschrank nicht an unsere Gasanlage angeschlossen werden konnte. Dadurch dauerte der Aufenthalt bei Kekamm auch wieder länger als ursprünglich gedacht.

Um 9:40 Uhr konnten wir dann unsere Fahrt nach Hamburg zum Unikai im kleinen Grasboek starten. Dort sind wir um 10:30 Uhr angekommen. Wir waren das letzte von vier Wohnmobilen, die von ihren Besitzern selbst auf die Grande Amburgo gefahren werden sollten. Das Einchecken im Hafenbüro war schnell erledigt. Kurze Zeit später konnten wir gemeinsam hinter einem Leitfahrzeug auf das Hafengelände fahren und unsere Fahrzeuge in der Nähe der Grande Amburgo neben einer Lagerhalle abstellen (in praller Sonne bei weit über 20 °C). Zunächst hieß es, dass es um 14:00 Uhr losgehen solle. Nach einiger Zeit informierte uns ein Hafenmitarbeiter, dass noch reichlich Holz aus Afrika ausgeladen werden müsse und wir daher erst gegen 17:00 Uhr auf Schiff könnten. Also machten wir es uns im MEXI auf unserer bequemen Sitzbank gemütlich und beobachteten was um uns herum so passierte. Am gegenüberliegenden Ufer wurden von einem alten Hafenkran aus Bungee-Jumping angeboten und es gab viele Mutige, die den Sprung wagten. Zwei kleinere und ein etwas größeres Dampfschiff hatten die Kessel gut geheizt und der schwarze Qualm war weithin sichtbar. Zum ersten Mal fühlte es sich an wie Ruhestand.

Aber das sollte nicht lange so bleiben, denn wieder kam ein Hafenmitarbeiter vorbei und sagte, dass wir unser Gepäck schon an Bord bringen könnten, da der vorgesehene Stellplatz für unsere Mobile sehr weit vom Aufzug entfernt sei und es jetzt etwas einfacher wäre. Wir konnten die Fahrzeuge um ca. 300 m weiter bis in die Nähe der Laderampe bringen dann das Gepäck im Aufzug auf Deck 12 bringen. Nachdem alle im Aufenthaltsraum angekommen waren mussten wir unser Ticket, die Pässe und die Gelbfieberbescheinigung abgeben. Die Essenzeiten wurden bekanntgegeben: Frühstück von 7:30 bis 8:15, Mittag von 11:00 bis 11:45 und Abendessen von 18:00 bis 18:45 Uhr, gemeinsam mit den Offizieren niedrigen Dienstrangs. Der Kapitän und höher gestellten Offiziere speisten aus Platzgründen nach uns.

Wir hatten die Eignerkabine gebucht, eine Außenkabine mit 2 Fenstern, die an Steuerbord im vorderen Teil des Frachters lag. Sie bestand aus einem Wohnraum mit einem Sofa und einem Sessel mit kleinem Tisch sowie einem für Schiffsverhältnisse recht großem Schreibtisch mit zwei Stühlen und einem ebenfalls ausreichend großen Schlafraum mit Doppelbett, Kleiderschrank und Spiegelkommode. Dem Bad mit Badewanne, Toilette und Bidet war allerdings anzusehen, dass das Schiff schon sechzehn Jahre auf dem Buckel hat.

Da das Ladegeschäft nun in vollem Gange war, konnten wir das Schiff zunächst nicht mehr verlassen. Um 18:00 Uhr wurde das Abendessen serviert. Um 18:30 Uhr wurden wir aufgefordert, unsere Fahrzeuge an Bord zu bringen. Alle machten sich hektisch auf den Weg nach unten, die Fahrzeuge wurden gestartet und über die Rampe aufs Schiff zum Bug auf Deck 2, d.h. eine Etage abwärts, gebracht. Im Schiffsbauch musste gewendet werden, damit die Fahrzeuge beim Entladen gleich in der richtigen Richtung standen. Das ordnungsgemäße Verzurren haben wir abgewartet, dann haben wir weiter dem Ladevorgang von oben zugesehen. Es wurde 20:00 Uhr, 21:00 Uhr, 22:00 Uhr, 23:00 Uhr – das Beladen nahm kein Ende. Obwohl wir schon zweimal in der Kabine waren, um uns aufzuwärmen und dickere Sachen anzuziehen, waren wir durchgefroren, als gegen 00:15 Uhr begonnen wurde, die Laderampe hochzuziehen und um 0:38 Uhr der letzte Heckfestmacher gelöst und an Bord geholt wurde und ein Bugsierschlepper die Grande Amburgo an einer Trosse vom Unikai wegzog und die Reise begann.

Aber wir haben tapfer durchgehalten, denn kurz nach Mittag hatte uns Silke per WhatsApp informiert, dass sie und Christoph nach Hamburg zum Hafen gekommen waren, um uns beim Auslaufen zuzuwinken. Als sie von unseren sich immer nach hinten verschiebenden Auslaufzeiten hörten, haben sie erstmal den schönen, sonnigen Tag in der Stadt verbracht, und am Abend zur Elbphilharmonie gefahren und haben ebenfalls tapfer in der Kälte auf uns gewartet.

Im Zeitlupentempo ging es aus dem kleinen Grasbroek hinaus auf die Elbe, die hell erleuchteten Stadt und Wasserfront boten einen tollen Anblick. Wir hatten uns mit Taschenlampen ausgerüstet, um uns für Silke und Christoph in der Dunkelheit an Bord kenntlich zu machen. Neben der Elbphilharmonie an einer beleuchteten Schiffsanlegestelle konnten wir die beiden dann mit unseren Ferngläsern ausmachen, als sie uns mit einer goldfarbenen Rettungsdecke zu winkten. Zeitgleich fuhr ein Ausflugsschiff mit Musik an Bord neben uns her. Zu dieser Musik konnten wir prima mit den Lampen zurückwinken. Das war eine tolle Aktion, die wir nie vergessen werden. Vielen lieben Dank dafür!  Auch als wir die beiden nicht mehr sehen konnten, sind wir weiter auf Deck geblieben und haben weiter das Lichtermeer der Hansestadt genossen.

Beim Aufstehen am nächsten Morgen um 6:30 Uhr waren wir bereits auf der Nordsee. Beim Frühstück konnten wir Helgoland mit der langen Anna recht gut s an Steuerbord sehen. Später war dann an Backbord Norderney aufgrund des Leuchtturms und der Hochhäuser am westlichen Ende der Insel leicht zu erkennen. Die nächsten sicher auszumachenden Landmarken waren der 180 m hohe Mast in Den Oever und die Einfahrt nach Den Helder in Noord Holland. Danach ging es weiter raus auf die Nordsee in Richtung Straße von Dover. Auf der Steuerbordseite säumten große Windkraftanlagen über etliche Seemeilen immer wieder den Horizont.

Um 16:00 Uhr erhielten wir die erste Sicherheitsunterweisung in grottenschlechtem Englisch. Danach wurden das Anlegen der Schwimmweste das Anziehen des Überlebensanzuges aus Neopren vorgeführt. Dann ging es weiter zur „Muster Station“ auf Deck 13, dem Sammelplatz im wie auch immer gearteten Alarmfall, von wo aus der Einstieg in ein Rettungsboot geübt wurde.

Deck 13 war schon in Antwerpen fast vollständig mit für Dakar bestimmen Gebrauchtwagen unterschiedlichsten Zustands beladen worden. Vorne gab es einen Hubschrauberabbergeplatz. Der Bereich direkt bei der Brücke war abgesperrt und in der Regel nur für autorisierte Personen zugänglich.

Nach dem Abendessen kam Regen auf, der vor unsere Fenster prasselte. In der Straße von Dover kamen wir dem englischen Festland recht nahe, haben es aber versäumt, die Mobiltelefone zu benutzen. Es waren viele beleuchtete Windkraftanlagen und kleine kleinere Ortschaften zusehen. Am nächsten Morgen um ca. 9:00 Uhr befanden wir uns genau südlich von Southampton. Die Küste war immer noch zu sehen.  An Deck war es ziemlich ungemütlich, der Wind hatte etwas zugelegt und es regnete auch immer wieder. Man spürte nun auch Bewegung im Schiff, aber alles noch ganz harmlos. Wir verbrachten den Tag daher in unserer Kabine und setzten uns über unsere Spanischbücher. In der Nacht wurden die Uhren zum ersten Mal um eine Stunde zurückgestellt.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Erst als wir Afrika erreichten wurde die See ruhiger, die Sonne schien und wir konnten es uns an Deck bequem machen.

In der Nacht vom 26. Auf den 27.09. passierten wir die Kanarischen Inseln mit relativ geringem Abstand. Wir hatten den Wecker auf 01:00 Uhr gestellt, denn der Kapitän hatte uns informiert, dass wir noch einmal Handyempfang hätten. Wir checkten unsere Emails und WhatsApps und genossen den Anblick auf die erleuchtete Küste von Lanzarote.

Wieder weit entfernt vom Land flatterten am nächsten Tag interessanterweise mehrere orangefarbene Schmetterlinge und ein kleiner Vogel mit orangenem Gefieder um unser Schiff. Der sah vom Flugbild aus wie eine Schwalbe aus, aber genau bestimmen konnten wir ihn nicht. Das Deck war voll von kleinen schwarzen Ruß-Klümpchen, so als ob es geschneit hätte, nur eben schwarz. Die Autos auf dem 13. Deck waren auch alle von diesen Partikeln übersät.

Am 8. Seetag stand eine Seenotrettungsübung auf dem Programm. Um 10:00 Uhr ertönte der entsprechende Alarm, das hieß für uns geschlossene Schuhe anziehen, Rettungsweste anlegen Helm aufsetzen, den Sack mit dem Überlebensanzug schnappen und so schnell wie möglich zur „Muster Station“ auf Deck 13 begeben. Alle Passgiere und die gesamte Mannschaft waren da. Nachdem alle Namen einzeln vorgelesen worden waren musste ein Crewmitglied den Überlebensanzug anziehen und zwei weitere in Feuerschutzanzüge steigen, Atemgeräte mit Vollgesichtsmaske anlegen und dann in einen Schacht steigen – das alles in praller Sonne bei mindestens 25°C.

Irgendwann war der Spuk vorbei, und wir durften die Brücke besichtigen, das war wirklich interessant. Wir hörten dort auch, dass wir am Abend Dakar erreichen, über Nacht auf Reede liegen und morgens um 5:00 Uhr im Hafen festmachen sollten.

Aber es kam anders. Gegen 17:00 Uhr fuhr das Schiff recht langsam und Dakar war schon in Sicht. Während des Abendessens sind wir dann bereits in den Hafen eingelaufen sind. Wir haben danach nur noch beobachten können, wie das Schiff festgemacht und die Ladeplattform abgelassen wurde. Uns gegenüber lag die Grande Nigeria, das Schiff, mit dem wir ursprünglich fahren sollten. Sie liegt seit Juni im Hafen von Dakar fest, wo Grenzbeamte eine große Menge Kokain an Bord gefunden haben. Zur Sicherheit wurde dann die gesamte Decksbeleuchtung eingeschaltet und alle Türen nach außen abgeschlossen. So haben wir nicht genau mitbekommen, was sich abends und während der Nacht abgespielt hat.

Morgens wurde eine Tür zum Außenbereich wieder geöffnet. Wir hatten uns entschieden, in Dakar nicht an Land zu gehen, und beobachteten das Geschehen im Hafen von Bord aus. Die Autos von Deck 13 wurden per Schiffskran entladen, zunächst immer zwei auf einem Tragegestell, dann wurde ein zweites Tragegestell angeflanscht worden und es konnten 4 Autos gleichzeitig entladen werden. Einige Container vom Vorschiff wurden ebenfalls entladen und auch welche aus dem Schiffsbauch geholt.

Nach dem Mittagessen konnte Wolfgang am Check-in zur Laderampe von einem Senegalesen eine SIM-Karte von „Orange“ kaufen, die er ihm auch direkt auf seinem Handy eingerichtet hat. Am Nachmittag konnten wir dann mal wieder unsere Mails checken und WhatsApps senden.

Nach dem Abendessen sind wir nochmals rausgegangen, um den restlichen Ladevorgang zu verfolgen. Gegen 20:30 Uhr wurde noch eine Reparatur an der Laderampe vorgenommen und dann hätte es um 21:00 Uhr losgehen können, doch es tat sich nichts. Um 21:30 Uhr ging endlich die Laderampe hoch, weiter passierte es jedoch nichts, kein Schlepper, keine Leinenleute. Erst um 23:00 Uhr legte das Schiff ab. Den schönen Anblick auf den beleuchteten Hafen und die Stadt haben wir noch draußen verfolgt, dann ging es zurück in unsere Kabine, wo es in dieser Nacht sehr schwül war.