VON USHUAIA GEN NORDEN

1. Etappe: Ushuaia – Cochrane

Nach Ankunft in Ushuaia holte uns Nelly wie vereinbart um 9:00 Uhr am Hafen ab und brachte uns zu unserem Wohnmobil. Wir packten unsere Taschen und Rücksäcke aus. Wolfgang ließ sich noch von Nelly, einer Friseurin, die Haare schneiden, dann fuhren wir zur Wäscherei und zum Supermarkt. Da wir keinen passenden Platz für die Nacht am Hafen fanden, fuhren wir zum Parkplatz am Flughafen, wo man eine tolle Aussicht auf die Stadt und die schneebedeckten Berge hat. Dort bereiteten wir gemeinsam das Abendessen vor. Dagmar schnibbelte wie immer das Gemüse. Als sie versuchte, einen Butternutkürbis von seiner relativ harten Schale zu befreien, landete unser schärfstes Messer in ihrem linken Handballen. Wolfgang versorgte die Schnittwunde sofort, so wie wir es im Notfallseminar gelernten hatten, mit Tape. Dann fuhren wir zum Militärhospital in Ushuaia, wo die Versorgung besser sein soll, als in normalen Hospitälern. An der Rezeption wurden wir darauf hingewiesen, dass es sich dort nicht um ein normales Krankenhaus handelte und wir für die Behandlung im Voraus 350 Pesos (knapp 5 €) bezahlen mussten. Wir bezahlten und Dagmar wurde dann auch schnell behandelt. Die Ärztin entfernte die Tapes vorsichtig, ohne die Wunde wieder aufzubrechen, desinfizierte die Handinnenfläche mit reichlich Jodlösung und versorgte die Wunde erneute mit Tapes und zusätzlich mit einem Druckverband. Im Falle von Durchbluten sollten wir sofort ein normales Krankenhaus aufsuchen. Als wir wieder am Flughafenparkplatz ankamen, hatten wir keine Lust mehr auf das geplante Abendessen, aßen stattdessen ein paar Brote und legten uns dann sofort schlafen.

In der Nacht brach die Wunde glücklicherweise nicht erneut auf. Wir beschlossen, die Tapes 10 Tage draufzulassen und nur den Verband zu wechseln, sobald er schmutzig aussah.

Anmerkung: Die Fotos, die wir in der Zeit vom 26. bis 29.1. gemacht haben, sind uns leider durch eine Unachtsamkeit verlorengegangen.

Am nächsten Morgen war es stark bewölkt, sehr windig, aber zunächst trocken. Da wir unsere Wäsche erst ab 15:00 Uhr abholen konnten, machten wir uns auf zum Arakur Ushuaia Resort & Spa, einem der „leading hotels of the world“. Das Hotel, ein großer hässlicher Betonklotz, liegt hoch oben über der Stadt. Wir hatten gehört, dass man von dort einen sehr schönen Ausblick auf die Stadt haben soll. Die Fahrt dorthin und der Ausblick waren sehr schön, das Hotel selbst haben wir uns nicht angesehen.

Wir fuhren weiter zum ehemaligen Sessellift auf einem Berg am anderen Ende der Stadt. Auch auf dem Weg dorthin gibt einige Aussichtspunkte, aber dort sind die Bäume mittlerweile so hoch, dass wir nur noch vom Wohnmobil aus durch das geöffnete Dachfester einen Ausblick auf Ushuaia und den Beaglekanal hatten.

Als wir um 15:30 Uhr unsere Wäsche abholten, begann es schon wieder zu regnen. Nach Wetterbericht wurde hier Regen und starker Wind auch erwartet. Wir hatten die Nase voll von kühlen Temperaturen und patagonischem Wind. Wir ließen unseren Plan, noch zur Estancia Haberton und zum Ende der südlichsten Straße der Welt am Beaglekanal zu fahren, fallen und wollten nur noch hier weg. Wir trafen uns noch mit Walter und Martina, die wir auf der Ushuaia kennen gelernt hatten und die sich gern unser bimobil einmal von innen ansehen wollten. Danach machten unseren MEXI startklar und fuhren auf der Panamericana Richtung Norden. An diesem Abend schafften wir es bis Tolhuine. Wir fanden einen Standplatz am Lago Fagnano, wo wir uns auf eine weitere Nacht mit patagonischem Wind einrichteten.

Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, und wir freuten uns, dass wir den Lago Fagnano endlich einmal bei schönerem Licht sehen konnten. Der Wind wehte allerdings immer noch sehr stark aus westlicher Richtung, dadurch hatte sich auf dem ca. 100 km langen See eine Dünung und Brandung aufgebaut, wie wir sie sonst nur vom Meer kannten.

Unsere Fahrt ging dann weiter zunächst über die RN 3 und danach auf der RP18, einer Schotterpiste, zum Lago Yahuin. Der See war sehr schön, aber im Umfeld des möglichen Standplatzes, den wir fanden, standen mehre zerfallene, mit politischen Parolen beschmierte Gebäude, das gefiel uns gar nicht. Da es noch relativ früh war, fuhren wir weiter auf der Piste in Richtung RN 3.

Um 16 Uhr waren wir in Río Grande, um noch etwas einzukaufen und wollten uns dann einen Platz an einem der Seen entlang der RP 5, einer weiteren Schotterpiste, suchen. Daraus wurde nichts, alles war eingezäunt und die Seen ausgetrocknet. Wir übernachteten letztendlich in einer Kiesgrube abseits der RP 5, kein besonders schöner Platz, aber windgeschützt, und wir konnten gut schlafen.

Nach dem Frühstück fuhren wir weiter auf der Piste und erreichten erst kurz vor San Sebastian endlich wieder die geteerte RN 3. Aber dann war auch schon bald die argentinische Grenze in Sicht. Da wir kein frisches Obst oder Gemüse mehr dabeihatten, musste nur noch der Abfall entsorgt werden. Dann ging es in Zollhäuschen. Alles verlief recht unproblematisch, dauerte jedoch eine ganze Weile, denn vor uns war ein Reisebus angekommen…

Im Niemandsland war die Piste grottenschlecht. Auf chilenischer Seite erhielten wir erstmals ein Formular, auf dem wir deklarieren mussten, welche erlaubten und nicht erlaubten Gegenstände und Lebensmittel wir dabeihatten. Wir füllten alles wahrheitsgemäß aus, reihten uns in die Schlange ein und bekamen dann auch unsere Einreisepapiere für Chile. Der Lebensmittelkontrolleur schaute kurz in den Kühlschrank und ein paar andere Schränke, hatte nichts zu beanstanden, und wir konnten weiterfahren.

Die RN 257, auf der es nun weiterging, war zu unserer Freude und anders als auf der Landkarte angegeben, befestigt und in recht gutem Zustand. Die Strecke war langweilig, rechts und links nur öde Pampa. Eigentlich wollten wir noch einen Zwischenstopp einlegen, verpassten dann aber Abzweig und standen plötzlich als letztes Fahrzeug in einer Schlange von Autos im Hafen von Bahía Azul. Wir wurden nach vorne gewunken und schneller als wir uns versahen, standen wir auf der Fähre, die uns an der engsten Stelle der Magellanstraße nach Punta Delgada bringen sollte. Die Überfahrt dauerte nur 30 Minuten und schon waren wir wieder auf dem südamerikanischen Festland. Wir hatten noch keinen Plan für die Nacht. Nach einem Blick in die Reiseführer entschieden wir uns, auf der Y 405 – natürlich wieder Piste – zum Nationalpark Pali Aike zu fahren. Die Wolkenbilder auf der Fahrt dorthin faszinierten uns. Wir sahen wieder Guanakos und Nadus, auch einen sehr entspannten Greifvogel sowie ein mäßig kooperatives Stinktier. Um 21 Uhr erreichten wir unser Ziel. Der Nationalpark war natürlich schon geschlossen. Der noch anwesende Ranger erlaubte uns, die Nacht auf dem Parkplatz am Eingang zu verbringen.

Am nächsten Morgen fuhren wir in den Park. Der Nationalpark Pali Aike ist ca. 50 km² groß. Er besteht hauptsächlich aus trockener Steppe, Vulkankratern und Lagunen. Unser erstes Ziel war die Laguna Ana, die bei Vogelbeobachtern sehr beliebt sein soll. Der Anblick der Lagune gefiel uns recht gut. Mit dem Fernglas konnten wir im Wasser einige Flamingos erkennen. Mit Kameras und Ferngläsern ausgestattet gingen wir zur Lagune hinunter und liefen am Ufer entlang, um den Flamingos etwas näher zu kommen. Diese waren, wie zu erwarten, ziemlich scheu und drehten uns meist ihr Hinterteil zu oder flogen zu anderen stellen im See. Als wir einige Fotos gemacht hatten, gaben wir uns damit zufrieden und machten uns auf den Rückweg. Während der ganzen Zeit folgte uns mit einigem Abstand ein Guanako und ließ uns mehrfach lautstark erkennen, dass ihm unser Spaziergang nicht gefiel. Bevor wir zum Parkplatz hinaufstiegen, konnte Wolfgang noch 3 junge Füchse fotografieren, die etwas oberhalb von uns miteinander herumtollten.

Das Besondere des Nationalpark Pali Aike sollen, wie man in Iwanowski’s Reiseführer für Chile lesen kann, seine Höhlen sein. „In einer davon hat man die Spuren der ersten Menschen Patagoniens gefunden: 11.000 Jahre alte Felsmalereien, die von den ersten Einwanderern stammen müssen, die aus dem Norden hierher zogen. Interessant ist besonders eine Höhle: die Cueva Pali Aike. Die in diesem Zusammenhang häufig ebenfalls erwähnte Cueva Fell liegt außerhalb des Parkgebietes und ist öffentlich nicht zugänglich.“

Unser nächstes Ziel war die Cueva Pali Aike. Die kurze Wanderung durch den Krater zum Aussichtspunkt war sehr schön. Auf der Steppe unter dem Aussichtspunkt weideten Guanakos. Auch sie gaben uns wieder lautstark zu verstehen, dass sie unseren Anblick nicht so toll fanden. Die Cueva Pali Aike selbst war ein Komplettreinfall. Was wir dort vorfanden, war nicht viel mehr als eine Nische in der Kraterwand, ohne Felsenmalereien oder anderen Zeichen prähistorischen Lebens.

Wir fuhren weiter zum Cráter Morada. Hier gab es einen ca. 7 km langen Rundweg durch die Vulkanlandschaft. Da wir uns in der letzten Zeit wenig bewegt hatten, wollten wir diesen Weg noch gehen. Schon bald merkten wir, dass dies kein Spaziergang war, sondern eine mehr oder weniger anstrengende Kletterpartie. Es gab keinen hier keinen Weg im eigentlichen Sinne, im Lavagestein war lediglich markiert, wo man hergehen sollte. Besonders der Abstieg in den Krater wurde zur Herausforderung. Den hätten wir besser ohne die große Kamera und mit stabilen Lederhandschuhen machen sollen. Am Aussichtspunkt angekommen, war es ganz nett, aber so richtig gelohnt hat sich der Abstieg aus unserer Sicht nicht. Zurück aus dem Krater folgten wir nur noch dem Rundweg, weitere mögliche Abstecher ließen wir links liegen. Die ganze Zeit liefen wir über mehr oder weniger scharfes Lavagestein. Tiere waren nirgends zu sehen, die große Kamera diente hier eigentlich nur der Körperertüchtigung. Die Informationstafeln zu den verschiedenen Lavaformationen am Wegesrand waren schon interessant, aber irgendwie zog sich der Weg in die Länge. Nach knapp 3 Stunden kamen wir wieder beim MEXI an und hatten fürs erste genug von Vulkangestein.

Dann ging es zurück zum Parkeingang und von dort wieder auf der Y 405 zur CH 255. Nach einige Kilometern fiel uns links von der Straße ein Minenfeld auf, das wir auf der Hinfahrt nicht bemerkt hatten. Die Minen aus der Zeit der Pinochet-Diktatur (1973 – 1990) sind hier in Chile in den Grenzgebieten zu den Nachbarstaaten Peru, Bolivien und Argentinien, auf verschiedenen kleineren Inseln, selbst in der Nähe von Touristenorten und in Naturschutzgebieten zum Teil noch vorhanden.  Auf öffentlichen Straßen und Wegen wurden die Landminen geräumt, Minenfelder abseits sind in der Regel markiert. Die Kennzeichnung der Minenfelder ist allerdings nicht flächendeckend sichergestellt bzw. in unwegsamem Gelände nicht (mehr) vorhanden.

Auf der CH 225 fuhren wir zur Grenze nach Argentinien. Die Grenzformalitäten waren schnell erledigt. Bei der Lebensmittelkontrolle wollte man nur wissen, wo wir herkamen. Wolfgang sagte „aus Ushuaia“ und schon konnten wir durchfahren. Niemand wollte unser Fahrzeug inspizieren.

Wir folgten in Argentinien der dortigen RN 3 noch ein Stück bis zum Abzweig zur Laguna Azul, wo wir nächtigen wollten. Wolfgang hatte gelesen, dass es dort sehr schön sein sollte. Uns hat diese Lagune nicht beeindruckt, sie war uns nicht einmal ein Erinnerungsfoto wert. Neben der Straße fanden wir zumindest einen halbwegs brauchbaren Stellplatz für die Nacht.

Am nächsten Morgen fuhren wir zunächst nach Río Gallegos, um uns wieder mit frischen Lebensmitteln zu versorgen und Diesel und Wasser nachzutanken. Wolfgang hatte sich in den Kopf gesetzt, erst zum Anfang der 5080 km langen RN 40 zu fahren, bevor es für uns weiter nach Norden gehen sollte. Dazu verließen Río Grande auf der RN 3 Richtung Süden und fuhren ca. 30 km bis zum Abzweig der RP 1 nach Cabo Virgenes, einer rund 100 km langen Piste, die von vielen als sehr schlecht beschrieben wird. Wir hatten in Ushuaia einen Schweizer kennengelernt, der mit dem Motorrad unterwegs war und uns überzeugend versicherte, dass er diese Strecke vor nicht allzu langer Zeit gefahren sei und sie gar nicht so schlecht wäre. Wahrscheinlich fährt sich solch eine Piste auf dem Motorrad ganz anders als mit unserem Fahrzeug. Wir können im Nachhinein nur sagen, viel schlimmer geht es nicht. Wir fuhren an mehreren Öl- und Gasförderanlagen vorbei und sahen immer wieder Guanakos und Nadus. Für die 100 km brauchten wir knapp 5 Stunden, obwohl wir nur einen Fotostopp eingelegten, als Dagmar am Straßenrand ein Gürteltier erblickte.

Da uns der im iOverlander beschriebene Stellplatz an der Rangerstation nicht gefiel, fuhren wir weiter auf der nun wieder besseren Piste bis zu deren Ende an der Grenze nach Chile. Den Abstecher zur Pinguinera (dort soll es zwischen September und April eine ca. 90.000 Tiere große Kolonie von Magellanpinguinen geben) sparten wir uns.  Das Ende der Piste bildete die Werkseinfahrt zu einer Gasanlage, versperrt mit einem Schlagbaum, so wie es bei Fabrikanlagen üblich ist.

Wir stellten unseren MEXI auf einer Schotterfläche neben der Pinguinera ab. Schon kurze Zeit später liefen immer wieder Pinguine an unserem Fahrzeug vorbei. Wir beobachteten das Geschehen und richteten unser Fahrzeug so aus, dass wir sicher sein konnten, ihre Wege nicht zu versperren. Die Pinguinera war von einem etwa 70 cm hohen Zaun umgeben, der für die Tiere nahezu an jeder Stelle passierbar war. Obwohl wir in der letzten Zeit schon mehr Pinguine gesehen hatten, als wir es uns vor unserer Antarktisreise jemals hätten vorstellen können, zogen uns die kleinen Kerlchen sofort wieder in ihren Bann. Zum Abend hin kamen immer mehr vom Strand zurück und verschwanden in der Pinguinera oder watschelten zu ihren Nestern unter den Büschen außerhalb des Zaunes.

Am nächsten Morgen marschierten die Pinguine dann nach und nach zurück zum Strand. Auch wir wollten nach dem Frühstück einen Strandspaziergang machen, mussten aber feststellen, dass das Betreten des Strandes zum Schutz der Tiere nicht gestattet war. Wir machten kehrt und schauten uns das Monument an, das an die Verlegung der unterseeischen Gasleitung aus dem Gasfeld in der Magellanstraße und auf Feuerland erinnern soll und spazierten noch ein Stück an der Pinguinera entlang.

Dann fuhren wir zum Leuchtturm Cabo Virgenes, wo die Ruta 40 offiziell beginnt.  Den Leuchtturm selber kann man nicht besteigen, das Museum war geschlossen, die Confitería „Al fin y al Cabo“ leider auch. Wir hätten dort gern den südlichsten Kaffee des Kontinentes getrunken. So genossen wir nur den tollen Ausblick, den man von dort oben hat.

Dann ging es zurück nach Río Gallegos, wo wir nochmal tankten und Wasser nachfüllten, um dann auf der RN 5 bis Esperanza und weiter auf der RN 40 nach El Calafate zu fahren. Diese Fahrt war nicht besonders spannend. Eine Asphaltstraße durch die Pampa mit Zäunen rechts und links der Straße, gelegentlich Guanakos, auch mal Schafe, aber sonst nichts aufregendes. Zumindest war der Himmel nicht bedeckt und durch die Wolkenformationen kam etwas Abwechslung in die Eintönigkeit.

Da wir bei unserem ersten Besuch in El Calafate die Höhlen an der Punta Wualichu nicht besucht hatten, wollten wir das nun nachholen. Als wir abends ankamen, waren sie natürlich schon geschlossen. Vor der Anlage gab es eine kleine Fläche, die uns als Standplatz für die Nacht geeignet schien. Aus der abgesperrten Anlage fuhren mehrere Autos heraus, schlossen das Tor wieder ab, niemand hat sich an uns gestört. Als es schon dunkel war, kam ein weiteres Fahrzeug, das neben uns hielt. Der Fahrer wies uns darauf hin, dass später noch der Besitzer käme, und der würde uns mit Sicherheit hier wegschicken. Wir packten unsere Sachen und zogen freiwillig weiter. Die Lust, diese Höhlen zu besuchen, war uns allerdings vergangen. Wir übernachten in El Calafate auf einem Parkplatz an der Promenade neben dem Vogelschutzgebiet und haben dort gut geschlafen.

Unser nächstes Ziel war der Parque National Perito F. P. Moreno, ein 127.000 ha großer Nationalpark an der Grenze zu Chile, laut Reiseführer der ursprünglichste und am wenigsten besuchte Nationalpark in Argentinien. Wir tankten nochmal in El Calafate und fuhren dann über die RP 11 zur RN 40 und darauf weiter Richtung Norden. Bei der Ausfahrt aus El Calafate sahen wir auf einer Verkehrsinsel einige Schwarzzügelibisse (Theristicus melanopis), die so entspannt erschienen, dass wir nicht ohne zu fotografieren daran vorbeifahren konnten.

Die Strecke bis Tres Lagos kannten wir schon, hielten aber trotzdem einigen Male an, denn der Lago Argentino mit seinem türkisblauen Wasser und den schneebedeckten Bergen im Hintergrund sieht bei sonnigem Wetter einfach toll aus. Hinter Tres Lagos bestand die RN 40 nur noch wenige Kilometer aus bestem Beton, danach folgten 113 km Piste mit Wellblecheinlagen der übelsten Art und Schlaglöchern in einer Größe, wie wir sie vorher noch nicht gesehen hatten. Diese Strecke war ziemlich stark befahren und dadurch zusätzlich auch noch sehr staubig. Die letzten 60 km vor Gobernador Gregores waren glücklicherweise wieder asphaltiert. In Gobernador Gregores deckten wir uns noch einmal mit Lebensmitteln, Diesel und Wasser ein, denn unser Ziel lag weit ab von jeglicher Zivilisation. Wir verließen Gobernador Gregores auf der RN 40 und fanden einen Stellplatz für die Nacht am Río Chico etwas abseits der RP 29.

Nach dem Frühstück setzten wir unsere Fahrt fort. Auf der RN 40 ging es erst 56 km schnurgerade dem Río Chico folgend durch die Pampa. Kurz hinter Las Horquetas bogen wir auf die RP 37 ab, wie zu erwarten wieder eine Piste. Bis zum Parkeingang waren es 97 km. Auch diese Strecke führte durch Steppenlandschaft, war allerdings durch Kurven und Steigungen etwas abwechslungsreicher. Mittags erreichten wir den Parkeingang und meldeten uns dort uns an, was notwendig ist, wenn man mehrfach im Park übernachten will. Wir fuhren bis zum Lago Belgrano und richteten uns dort auf dem Parkplatz ein.

Am späten Nachmittag brachen wir zu einer Wanderung auf der Peninsula auf. Der knapp 10 km lange Rundweg führte durch eine sehr schöne und abwechslungsreiche Landschaft. An der Laguna Flamenco sahen wir in der Ferne einige Flamingos, ansonsten waren auf der Peninsula leider weit und breit keine Tiere zu sehen. Als wir zum Parkplatz zurückkamen, stand dort ein weiteres Wohnmobil, im Laufe des Abends kamen noch drei weitere hinzu – zwei mit deutschen Reisenden, eins mit Schweizern und das vierte mit Einheimischen. Im am wenigsten besuchten Nationalpark Argentiniens hatten wir uns etwas mehr Einsamkeit erhofft.

Bevor wir am nächsten Morgen im Park weiterfuhren, gingen wir zum Ufer des Lago Belgrano hinunter, um die Schwarzhalsschwäne zu beobachten, die sich bei schönstem Sonnenlicht im türkisblauen Wasser des Sees aufhielten, ein wunderschöner Anblick. Dann fuhren wir durch den Park und suchten nach weiteren interessanten Fotomotiven. Immer wieder sahen wir Schwarzhalsschwäne und Spitzschwanzenten (Ana gregoria).

Am „Mirador Aves“ war eine Schutzhütte aufgebaut, um die scheuen Flamingos, die sich in der Lagune aufhalten, besser beobachten zu können. Wir waren wahrscheinlich zur falschen Tageszeit dort, denn es waren nur sehr wenige Flamingos zu sehen, und die hielten sich weit weg von der Beobachtungshütte auf. Wir schauten eine Weile einer Gruppe von Schwarzzügelibissen zu, die über dem See mit lautem Geschrei ihre Kreise zogen und sich dann in der Nähe der Beobachtungshütte auf der Wiese niederließen.

Bei unserer weiteren Fahrt durch den Park sahen wir immer wieder Ibisse. Wir waren erstaunt, wie gut diese Vögel durch ihre Gefiederfarbe in der patagonischen Steppenlandschaft getarnt sind.

Wir wollten die Nacht im Park auf dem Campingplatz am Lago Burmeister verbringen, aber daraus wurde nichts. Die Stellplätze für Wohnmobile dort waren für uns nicht zu erreichen. Entweder waren die Zufahrten in so schlechtem Zustand, dass wir nicht wagten, darauf weiterzufahren oder die Äste der Bäume hingen so niedrig, dass wir sie hätten absägen müssen, um uns dort hinstellen zu können. Aber das wollten wir in einem Nationalpark nicht wagen. Das war wirklich schade, der Aufenthalt am Lago Burmeister wäre bestimmt sehr schön gewesen.

Enttäuscht verließen wir den Park und fuhren auf der RP 37 zu einem im iOverlander angegeben Stellplatz 34 km vor dem Nationalpark. Wir hatten die Stelle schon auf der Hinfahrt gesehen und wussten, dass wir dort einigermaßen geschützt vor dem patagonischen Wind stehen konnten.

Die Nacht war ruhig. Nach weiteren 63 km Richtung Osten hatten wir wieder Asphalt unter den Rädern. Nachts hatte es ein wenig geregnet und deshalb hingen die Wolken noch sehr tief und wir konnten die Spitzen der umliegenden Hügel und Berge nicht sehen.

Auf der RN 40 fuhren wir gen Norden durch die Pampa del Asador in Richtung Perito Moreno. In Baja Caracoles in der Pampa los Alemanes tankten wir nochmal an einer YPF Tankstelle. Bezahlen konnten wir nur bar. Wolfgang fragte, ob es Trinkwasser gebe. Er bekam einen Wasserhahn gezeigt, an dem er sich bedienen konnte. Er hatte keinen Schlauchanschluss, also musste die Gießkanne raus. Als er den Wasserhahn öffnete, floss eine braune Brühe hinein. Wolfgang brach die Aktion ab. Vermutlich kam das Wasser aus einem Brunnen, und der war durch den Regen in der Nacht verunreinigt.

Den Abzweig zur RP 103/RP 41 in Richtung Chile fanden wir erst nach zweimaligem Umkehren. Die Zufahrt zu der 98 km langen Piste, die nun vor uns lag, war verlegt worden und weder unser Navi noch MAPS.ME kannten die neue Route. Die Strecke sollte landschaftlich sehr schön sein, aber das konnten wir wegen der tiefhängenden Wolken zunächst nicht erkennen. Zumindest waren wir nahezu alleine auf der Straße unterwegs. Es kam uns nur ein Auto entgegen, und Wolfgang konnte sich die Ideallinie aussuchen. Die Schlaglöcher waren durch den Regen in der Nacht mit Wasser gefüllt und ziemlich gut zu erkennen.

Nachdem wir die ersten 50 km am Lago Ghio hinter uns gebracht hatten, lockerte der Himmel auf, und wir konnten etwas weitersehen – es war wirklich schön hier.

In einer Laguna sahen wir einige Chilepfeifenten, auch Chilenische Pfeifenten genannt (Anas sibilatirx). Bei Wikipedia werden sie wie folgt beschrieben:

Chilepfeifenten haben einen schwarzen Hals und einen schwarzen Hinterkopf. Die Stirn und das vordere Gesicht sind weiß. Die schwarzen Kopfseiten schimmern grünlich, wobei dies bei Männchen etwas stärker ausgeprägt ist. Die Flanken des Männchens sind rostrot gefärbt, die beim Weibchen dagegen flockig braun. Das Rückengefieder ist grau mit Weiß durchzogen. Die Brust ist weiß mit einer schwarzen Querwellung. Auf Grund der Variabilitätsbreite in der Gefiederfärbung lässt sich allerdings anhand des Gefieders keine sichere Geschlechtsbestimmung vornehmen.

Der Schnabel ist blaugrau mit einer schwarzen Schnabelspitze. Die Beine und Füße sind grau und die Augen sind dunkelbraun. Jungvögel gleichen den adulten Vögeln, aber die rotbraune Färbung auf den Flanken fehlt entweder vollständig oder ist kleiner als bei adulten Chilepfeifenten.

Wir übernachteten 6 km vor der chilenischen Grenze neben der Straße in einer Grube, die von Straßenbauarbeiten übriggeblieben war.

Am nächsten Morgen war es endlich soweit – nahezu wolkenloser blauer Himmel und absolute Windstille. Wir folgten der RP 41 weiter in Richtung argentinisch-chilenischer Grenze. Die Landschaft war toll, in den Teichen viele Schwarzhalsschwäne und Enten, am Himmel immer wieder Greifvögel, die noch zu bestimmen sind.

An der argentinischen Grenze trafen wir zunächst auf das schon bekannte Prozedere. Wir wunderten uns nur, dass der relativ junge Grenzer unter den Ausreisestempel noch den 90 Tage-Stempel drückte und ebenso auf das TIP für das Fahrzeug, das wir hier an der Grenze wieder abgeben mussten, aus unserer Sicht völliger Quatsch. Dann fotografierte er mit seinem Handy erst unsere Pässe und dann nur die Passfotos daraus, wofür? Anschließend kam er mit zu unserem Wohnmobil und führte eine Lebensmittelkontrolle durch. Bei der Ausreise? Er hatte vieles zu beanstanden, im Kühlschrank Margarine (Ursprungsland Chile!), Grillsaucen und French Dressing – alles, weil die Packungen bereits geöffnet waren(?). Dann öffnet er selbst einen der Vorratsschränke, wo er Knoblauch (o.k.) sowie Walnüsse und Pinienkerne in geöffneten Packungen fand. Auch das war neu für uns, bisher waren wir an allen Grenzen immer freundlich von den Kontrolleuren gebeten worden, den Kühlschrank und manchmal einige der Schränke für sie zu öffnen. Als wir den Grenzer nach seinem Vor- und Nachnamen fragten und nochmal darauf hinwiesen, dass wir ja ausreisten und der chilenische Kollege doch eigentlich entscheiden müsse, was eingeführt werden darf und was nicht, ruderte er zurück. Er nahm sich eine Knoblauchzehe und 2 Walnüsse und meinte den Rest könnten wir behalten, aber sollten die Sachen gut verstecken, damit der chilenische Kontrolleur sie nicht fände. Wir waren verwundert, aber auch verwirrt und schweißten im Niemandsland unsere geöffneten Packungen in Folie ein. Das war uns einen Versuch wert.

Im Büro des chilenischen Grenzpostens mussten wir zunächst bestätigen, dass wir in den letzten zwei Wochen nicht in China waren – die erste Maßnahme zur Eindämmung der Corona Pandemie, der wir Südamerika begegneten. Wir füllten die Einreiseformulare aus, warteten ein Weile auf unser TIP für das Wohnmobil, denn auch das wurde hier händisch ausgefüllt. Wir beantworteten die Frage, ob wir zu deklarierende Lebensmittel mitführten müssen, wahrheitsgemäß. Das war es. Der Grenzer öffnete die Schranke, und wir konnten weiterfahren. Vielleicht kam uns hier zugute, dass kurz nach uns fünf Motorradfahrer an der Grenze angekommen waren, die von Chile nach Argentinien ausreisen wollten und darauf warteten, dass ihre Ausreiseformalitäten erledigt wurden.

Wir fuhren weiter auf der X 83 durch den chilenischen Teil des Parque Patagonia, der landschaftlich sehr schön ist und mit Sicherheiten einen längeren Aufenthalt wert gewesen wäre. Unsere Lebensmittelvorräte waren aber mittlerweile soweit zur Neige gegangen, dass wir lieber erstmal nach Cochrane, der nächstgrößeren Stadt fahren wollten, um dort einzukaufen.

Auf dem Weg zum Besucherzentrum trafen wir auf eine Herde von Guanakos. Es waren die entspanntesten, die wir bis dahin gesehen hatten. Erst als ein männliches Jungtier begann, die anderen zu jagen, machten sie nach und nach die Piste frei, so dass wir weiterfahren konnten. Wir hielten kurz am Besucherzentrum und schauten uns dort etwas um, verzichteten dann aber auf den Besuch des Museums dort, um nicht zu spät in Cochrane anzukommen. Ein Stellplatz für die Nacht mussten ja auch gefunden werden.

Der Parque Patagonia ist ein Projekt der von Kris Tompkins, der Witwe von Douglas Tompkins, einem nordamerikanischen Millionär, der die Outdoor-Bekleidungsfirma The North Face gründete und zusammen mit seiner ersten Frau Susie die Marke ESPRIT zu einem Welterfolg machte. Als sich das Paar 1990 trennte, schuf er zusammen mit seiner zweiten Frau Kris mit dem Geld aus dem Verkauf der Firma trotz anfänglicher Widerstände der chilenischen Regierung seinen ersten privaten Naturschutzpark in Chile, den Parque Pumalín. Douglas Tompkins starb im November 2015 bei einem Kajakunfall in Patagonien. Der Parque Pumalín wird heute von der Stiftung Fondacíon Pumalín verwaltet.

Kris Tompkins übergab den Parque Patagonia im Jahr 2018 dem chilenischen Staat mit der Auflage zusammen mit den angrenzenden Naturreservaten Jeinimeni und Tamango einen 260.000 ha großen Nationalpark einzurichten.

Auf dem Rückweg zum Wohnmobil sahen wir einen Mann verdächtig nah um unser Fahrzeug herumgehen. Wir legten einen Schritt zu und sahen noch wie er in ein anderes Wohnmobil auf dem Parkplatz verschwand. Als wir dort anklopften, wurden wir von einem argentinischen Ehepaar auf Deutsch begrüßt. Der Mann hatte sich nur für die Belastbarkeit unserer Reifen interessiert, denn die Reifen seines Sprinters waren seiner Meinung nach zu schnell abgefahren. Wir kamen mit ihnen ins Gespräch und erfuhren, dass beide deutscher Abstammung sind. Die Großeltern der Frau, geboren in Schlesien und die des Mannes, geboren in Ostdeutschland waren einst nach Argentinien ausgewandert. Wir erhielten noch ihre Visitenkarte und wurden herzlich eingeladen, bei ihnen vorbeizukommen, wenn wir die Wasserfälle von Iguazú besuchen.